Nachehelicher Unterhalt: Wann und in welcher Höhe müssen Sie ihn zahlen?

Von Ehevertrag.org, letzte Aktualisierung am: 27. Oktober 2020

Nach der rechtskräftigen Scheidung liegt die Verantwortung, den eigenen Unterhaltsbedarf zu decken, bei jedem der Ex-Ehegatten selbst (Erwerbsobliegenheit). Dieser “Grundsatz der Eigenverantwortlichkeit” findet sich in § 1569 Bürgerliches Gesetzbuch (BGB). Doch er gibt auch eine Einschränkung vor: Ist einer der Ehegatten nämlich nicht in der Lage, den eigenen Lebensbedarf nach der Scheidung zu decken, dann kann auch weiterhin gegenüber dem Ex ein Unterhaltsanspruch bestehen: nachehelicher Unterhalt. Unter welchen Voraussetzungen dies möglich ist, gibt das BGB ebenfalls vor. 

Zusammengefasst: Nachehelicher Unterhalt

Muss ich auch nach der Scheidung noch Unterhalt zahlen?

Das richtet sich danach, ob auf Grundlage eines Unterhaltstatbestandes auch weiterhin ein Anspruch auf Unterhalt seitens Ihres Ex besteht. Welche Gründe für nachehelichen Unterhalt sprechen können, erfahren Sie hier.

Wie lässt sich nachehelicher Ehegattenunterhalt berechnen?

In der Regel kommt die Differenzmethode bei der Berechnung ur Anwendung. Wir diese funktioniert, lesen Sie hier. Für eine erste Orientierung, wie hoch der Unterhalt in Ihrem Fall ausfallen könnte, können Sie auch diesen Rechner verwenden.

Wie lange muss ich nachehelichen Unterhalt zahlen?

Feste Vorgaben bezüglich der Dauer gibt es in der Regel nicht. Diese richtet sich stets nach dem Einzelfall. Was die Anspruchsdauer beeinflussen kann, erfahren Sie hier.

Wann ist nachehelicher Unterhalt nach BGB möglich?

Das Bürgerliche Gesetzbuch führt mehrere Formen des nachehelichen Unterhalts an, die sich an den unterschiedlichen Unterhaltstatbeständen orientieren. Zusammengefasst ist nachehelicher Unterhalt in folgenden Fällen möglich:

Wann kann nachehelicher Unterhalt nach der Scheidung verlangt werden?
Wann kann nachehelicher Unterhalt nach der Scheidung verlangt werden?
  1. § 1570 BGB – Betreuungsunterhalt: Betreut ein Ehegatte ein unter direjähriges gemeinsames Kind, entfällt in dieser Zeit die Erwerbsobliegenheit. Kann er den Bedarf durch eingeschränkte oder nicht bestehende Tätigkeit nicht selbst decken, kann ein Unterhaltsanspruch während der Betreuung bestehen (gilt auch für unverheiratete, getrennte Eltern eines Kindes). In dieser Form unterliegt nachehelicher Unterhalt zunächst einer Befristung (bis zum dritten Geburtstag des Kindes), kann im Einzelfall auch darüber hinaus bewilligt werden (erhöhter Betreuungsaufwand, andere Billigkeitsgründe).
  2. § 1571 BGB – Altersunterhalt: Nachehelicher Unterhalt kann auch dann in Anspruch genommen werden, wenn der Berechtigte aufgrund seines Alters keiner Erwerbstätigkeit mehr nachgehen kann (z. B. bei Erreichen des Renteneintrittsalters). Die Erwerbsobliegenheit entfällt hier also aufgrund des Alters. 
  3. § 1572 BGB – nachehelicher Unterhalt wegen Krankheit oder Gebrechen: Ein Unterhaltsanspruch kann ebenfalls bestehen, wenn eine Erkrankung oder andere Einschränkungen es einem Ehegatten unmöglich machen, selbstständig für die Deckung des eigenen Unterhaltsbedarfs zu sorgen (Erwerbsunfähigkeit). Nachehelicher Unterhalt ist auch bei psychischer Erkrankung möglich.
  4. § 1573 BGB – Erwerbslosen- und Aufstockungsunterhalt: Findet ein Ehegatte keine angemessene Tätigkeit und kann den Unterhaltsbedarf so nicht oder nur teilweise decken, so kann ebenfalls ein Unterhaltsanspruch bestehen. Dieser endet in der Regel mit Aufnahme einer angemessenen Tätigkeit. 
  5. § 1575 BGB – nachehelicher Ehegattenunterhalt während der Ausbildung, Fortbildung oder Umschulung: Um Nachteile bei der Erwerbstätigkeit auszugleichen, steht es jedem Ehegatten zu, sich ausbilden, fortbilden oder umschulen zu lassen (etwa bei Abbruch einer Ausbildung während der Ehezeit). Für die Dauer der jeweiligen Maßnahme kann eine Anspruch auf Ehegattenunterhalt bestehen. 
  6. § 1576 BGB – andere Billigkeitsgründe: Das BGB schließt die Liste der Unterhaltstatbestände nicht ab. Es erkennt somit im Einzelfall auch andere Billigkeitsgründe an.

Grundsätzliche Voraussetzung für die Leistung nachehelichen Unterhalts: Zum einen muss der fordernde Ehegatte bedürftig sein, das heißt er kann den eigenen Unterhaltsbedarf nicht aus eigener Kraft decken (unter Maßgabe der oben genannten Aspekte). Zum anderen muss der Unterhaltspflichtige aber auch tatsächlich leistungsfähig sein. Leistungsfähigkeit liegt in der Regel vor, wenn der Pflichtige über ein Nettoeinkommen verfügt, das den Selbstbehalt übersteigt.

Nachehelicher Unterhalt: Berechnung möglicher Ansprüche

Sofern ein Anspruch auf Unterhalt besteht, folgt lässt sich nachehelicher Unterhalt der Höhe nach z. B. mittels Differenzmethode berechnen: Der Unterhaltsberechtigte kann dieserzufolge 3/7 der Einkommensdifferenz als Unterhalt geltend machen, sofern der Unterhaltspflichtige erwerbstätig ist (anderenfalls bis 50 %). Grundlage für die Berechnung ist das bereinigte Nettoeinkommen der Ehegatten (Netto nach Abzug von vorrangigen Verbindlichkeiten). Ein Beispiel für die Berechnung gibt die folgende Infografik:

Grafik: Differenzmethode beim Unterhalt
Grafik: Differenzmethode beim Unterhalt

GRAFIK

Unterhaltsrechner für eine erste Orientierung

Mit dem folgenden Rechner können Sie einen ersten Eindruck davon erhalten, wie hoch der Anspruch auf nachehelichen Unterhalt in Ihrem Fall ggf. ausfallen kann. Bitte wenden Sie sich für eine exakte Feststellung und der angemessenen Bereinigung Ihres Einkommens als Berechnungsgrundlage jedoch an einen Anwalt. Der Rechner kann keine verbindlichen Werte ausgeben.

Nachehelicher Unterhalt: Dauer der Ansprüche

Für welche Dauer nachehelicher Unterhalt zu zahlen ist, lässt sich ebenfalls nicht pauschal festlegen. Ausschlaggebend ist etwa der zugrunde liegende Unterhaltstatbestand, z. B.:

  • bei Betreuungsunterhalt mindestens bis zum dritten Geburtstag des betreuten Kindes
  • bei Ausbildungsunterhalt in der Regel bis zum Ende der Ausbildung
  • bei Unterhalt wegen Krankheit bis zur Wiederherstellung der Erwerbsfähigkeit (sofern dies überhaupt möglich ist)
  • bei Unterhalt wegen Erwerbslosigkeit ggf. bis zur Aufnahme einer angemessenen Erwerbstätigkeit

Im Zweifel ist der Einzelfall ausschlaggebend für eine mögliche Befristung. So kann nachehelicher Unterhalt bei langer Ehe nach der jeweiligen Ehedauer bemessen werden (feste Werte gibt es auch hier nicht). Eine Befristung ist aber nicht in jedem Fall vorzunehmen. Bei Unterhalt wegen des Alters kann der Anspruch z. B. auch dauerhaft und unbefristet bestehen bleiben (ggf. bis zum Tod des Berechtigten oder Pflichtigen).

Kann der Anspruch auf Unterhalt verwirkt werden?

Nachehelicher Unterhalt: Ein neuer Partner kann u. U. den Anspruch aufheben.
Nachehelicher Unterhalt: Ein neuer Partner kann u. U. den Anspruch aufheben.

Nachehelicher Unterhalt kann einer Verwirkung im Einzelfall unterliegen, wenn die Leistung für den Pflichtigen im Einzelfall eine grobe Unbilligkeit darstellen würde. Denkbar wäre dies etwa in folgenden Fällen (vgl. § 1579 BGB):

  • bei kurzer Ehedauer
  • bei einer neuen verfestigen Lebenspartnerschaft
  • bei strafrechtlich relevanten Handlungen gegen den Pflichtigen
  • bei mutwilliger Herbeiführung der Bedürftigkeit
  • bei grober Pflichtverletzung, zum Familienunterhalt beizutragen

Nachehelicher Unterhalt im Ehevertrag: Verzicht möglich? Der universelle Ausschluss von nachehelichem Ehegattenunterhalt im Rahmen eines Ehevertrages ist in der Regel nicht wirksam, sofern keine angemessene Gegenleistung vorgesehen ist. Zudem sind insbesondere der Unterhalt wegen Alters oder Krankheit besonders schützenswert und können als solche zumeist nicht pauschal ausgeschlossen werden. Wollen Sie in Ihrem Ehevertrag auch den Ehegattenunterhalt beeinflussen, wenden Sie sich für eine rechtliche Abwägung und Erstellung eines inhaltlich haltbaren Ehevertrages an einen Anwalt.

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Quellen und weiterführende Links

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